Eine polnische Dichterin : Wislawa Szymborska

DANKSAGUNG

Vieles verdanke ich denen,
die ich nicht liebe.

Erleichterung, mit der ich hinnehme,
sie stehen anderen näher.

Freude, nicht ich bin
der Wolf ihrer Lämmer.

Ich habe Frieden mit ihnen
und Freitheit mit ihnen,
das aber könnte die Liebe
mir weder geben noch nehmen.

So warte ich nicht auf sie
zwischen Fenster und Tür.
Geduldig,
fast wie die Sonnenuhr,
weiß ich, was Liebe
nicht weiß,
verzeihe, was die Liebe
niemals verziehe.

Vom Stelldichein bis zum Brief
verfließt keine Ewigkeit,
nur eben Tage und Wochen.

Die Reisen mit ihnen gelingen immer,
Konzerte werden erlebt,
Kirchen besichtigt,
Landschaften deutlich.

Trennen uns
sieben Berge und Flüsse,
dann sind es Berge und Flüsse,
uns von der Karte vertraut.

Es ist ihr Verdienst,
wenn ich in drei Dimensionen lebe,
nicht im rhetorischen, nicht im lyrischen Raum,
mit einem echten, denn beweglichen Horizont.

Sie wissen es selbst nicht,
wieviel sie in ihren leeren Händen tragen.

"Ich schulde ihnen gar nichts" -
würde die Liebe sagen
zu diesem offenen Thema.

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VON OBEN BETRACHTET

Ein toter Käfer liegt auf dem Feldweg,
drei Beinpaare sorgfältig auf dem Bauch gekreuzt.
Statt Todeswirrnis - Sauberkeit und Ordnung.
Das Grauen dieses Anblicks ist gemäßigt,
die Reichweite streng lokal von der Quecke zur Minze.
Die Trauer teilt sich nicht mit.
Der Himmel ist blau.

Unserem Frieden zuliebe sterben die Tiere nicht,
sie krepieren sozusagen den seichteren Tod,
verlieren - wir wollen es glauben - weniger Welt und Gefühl,
verlassen - so will es uns scheinen - eine weniger tragische Bühne.
Ihre fügsamen Seelen schrecken uns nicht in der Nacht,
sie wahren Distanz,
kennen die mores.

Und so denn glitzert der tote Käfer am Weg,
unbeweint, der Sonne entgegen.
Es genügt, an ihn für die Dauer eines Blickes zu denken:
er liegt, als wäre ihm nichts von Bedeutung passiert.
Bedeutung betrifft angeblich nur uns.
Nur unser Leben, nur unseren Tod,
den Tod, der erzwungenen Vorrang genießt.

~~~~~~



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MANCHE MÖGEN POESIE

Manche-
das heißt nicht alle.
Nicht einmal die Mehrheit, sondern
die Minderheit.
Abgesehen von Schulen wo man
mögen muss, und von
- den Dichtern selbst,
gibt's davon etwa zwei pro Tausend.

Mögen-
aber man mag ja auch die
Nudelsuppe,
mag Komplimente und die Farbe
Blau,
mag den alten Schal,
mag auf dem Stein beharren,
mag Hunde streicheln.

Poesie-
was aber ist das, die Poesie.
Manch wacklige Antwort fiel
bereits auf diese Frage.
Aber ich weiß nicht und weiß nicht
und halte mich
- daran fest
wie an einem rettenden Geländer.


Wislawa Szymborska ist eine in Deutschland leider recht unbekannte Autorin, die ich selbst nur durch Zufall kennen gelernt habe. Daher ist mir von ihren Werken leider auch nur wenig bekannt, und umsoweniger stand mir zur Veröffentlichung auf dieser Seite zur Verfügung. Aber für einen kurzen Einblick in ihre Schreibweise sollte das genügen.
Viel Spaß beim Lesen!

29.11.05 22:48

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